Judith Hermann: Labyrinthe des Verschweigens
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Judith Hermann begibt sich auf die Spuren ihres Großvaters, eines überzeugten Nationalsozialisten und SS-Mitglieds. „Ich möchte zurückgehen in der Zeit“ verbindet autobiografische Erinnerung und Fiktion zu einer subtilen Erkundung des Verdrängten.
Vor drei Jahren hat Judith Hermann Einblick in die verwinkelten Zonen ihrer privaten Welt gewährt. Was sie als Poetikvorlesung getarnt hat, war in Wirklichkeit die Verpuppung eines Lebensromans. Man lernte darin die Familie der Erzählerin kennen: die in Petersburg geborene Großmutter, deren Großvater ein Leuchtturmwärter war; den jähzornigen, depressiven Vater, der zehn Jahre in einer Nervenheilanstalt zubrachte und der Tochter ein Puppenhaus gebastelt hat, dessen verborgene Durchgänge und Kammern wie ein Modell für die Innenwelten erscheinen, in denen sich die Figuren der Autorin finden und verlieren.
»Wir hätten uns alles gesagt« lautete der Titel, doch wie der Konjunktiv andeutet, blieb darin vieles ungesagt. Einer kommt darin nur am Rande vor: der Großvater mütterlicherseits, ein überzeugter Nationalsozialist, Mitglied der Waffen-SS, in den 40er Jahren im polnischen Radom stationiert, wo zu dieser Zeit schlimmste Gräueltaten verübt wurden. Über ihn wurde nicht gesprochen. Er verließ seine Familie früh und starb wenige Jahre vor der Geburt der Enkelin.
Man könnte nun die offene Tür auf dem Cover des neuen Buches »Ich möchte zurückgehen in der Zeit« so verstehen, als führe es geradewegs hinein in das offene Geheimnis. Und vielleicht liegt in dieser vorschnellen Annahme der Grund für einige der kritischen Urteile, um nicht zu sagen Missverständnisse, die seit dem Erscheinen gefällt wurden. Hermann verwische in ihrer subjektiven Annäherung die Grenzen zwischen Fakt und Fiktion, mache aus der NS-Täterschaft ihres Großvaters eine literarische Angelegenheit. Doch abgesehen davon, dass der Vorwurf der Literarisierung, erhoben von der Mutter, von Anbeginn mitgedacht wird, liegt in dem Verfehlen des Erwarteten geradezu die Voraussetzung des Zugangs zu diesem dunklen Trakt der Familiengeschichte.
Der erste Teil besteht aus der Beschreibung einer winterlichen Reise nach Polen, entlang der wenigen Spuren des Großvaters, die sich in der Auslöschung verlieren, an der jede Darstellung scheitert: »Mir schien ein gelingender Text über eine Reise wie diese nach Radom gar nicht möglich zu sein. Wenn ein Text über eine solche Reise gelungen war, war er zugleich missglückt, ganz bestimmt falsch.«
Judith Hermann liefert keine Tätergeschichte, auch wenn evident ist, auf was diese unweigerlich zulaufen würde: auf einem Foto posiert der Großvater stolz auf einem Motorrad vor dem Hintergrund eines weiten Platzes, auf der Rückseite der handschriftliche Vermerk Radom 1941. In der Stadt, einst Mittelpunkt einer der größten jüdischen Glaubensgemeinschaften Polens, errichteten die Deutschen im selben Jahr ein Ghetto, das wenig später mit äußerster Brutalität aufgelöst wurde. Wen Leute wie der Großvater der Erzählerin nicht gleich auf dem Marktplatz erschossen, den deportierten sie nach Auschwitz oder Treblinka.
Das sind die Fakten. Aber auf was sich diese Annäherung richtet, ist nicht, was zweifelsfrei geschehen ist, sondern wie es so lange in den Fluchten des familiären Bezugssystems zum Verschwinden gebracht werden konnte. Und was es heißt, in dieser Nachbarschaft von Leerstellen zu leben, in denen das Unaussprechliche rumort. Das zu vernehmen, bedarf es des feinen Sensoriums der Literatur. Damit rückt die Mutter in den Blick und das schweigende Gespräch, das sie mit der Tochter verbindet.
Eine vorübergehende Amnesie der Mutter mahnt die Erzählerin daran, sie bald nicht mehr zu dem befragen zu können, worüber nicht gesprochen wurde. Zum Beispiel, dass die Kelle, mit der in der Familie die Suppe geschöpft wurde, die die Erzählerin und ihre Schwester auszulöffeln hatten, ein Geschenk des Großvaters war. Judith Hermann geht das heikle Wagnis ein, die Position der dritten Generation im Holocaust-Diskurs aus der Perspektive einer Täterfamilie heraus einzunehmen. Auch sie erbt Erinnerungen, die sie selbst nicht erlebt hat.
In Radom sieht sie den Film, in dem Hadas Kalderon, die Enkelin des Lyrikers Avrom Sutzkever, einem Überlebenden der Shoah, sich auf die Suche nach der Geschichte ihres Großvaters macht. Die Erzählerin erkennt darin Parallelen zum eigenen Unterfangen: »Ich fühle mich Hadas Kalderon verwandt, wenn ich das so sagen darf, aber ich stehe auf der anderen Seite.« Beide Seiten entsprechen sich wie Negativ und Positiv ein und desselben Bildes. Das ist keine obszöne Täter-Opfer-Umkehr oder weinerliche Selbstbespiegelung, sondern im Gegenteil die Realisierung, in einem unabschließbaren Zusammenhang von Schuld und Scham zu stehen.
Aus dem winterlichen Radom führt der zweite, stärker fiktionalisierte Teil ins südliche Licht Neapels, wo die Schwester der Erzählerin, eine Archäologin, in Pompeji jene Vergangenheit ausgräbt, die der Ausbruch des Vesuvs für immer stillgestellt hat. Sie bewohnt das Haus einer unlängst Verstorbenen, die darin noch sehr präsent ist. Eine andere Geschichte, doch auch hier gilt ein Schweigegelübde: »Zwischen meiner Schwester und mir, meiner Schwester und der Familie, gibt es die Abmachung, vor den Kindern nicht über das Dunkle der Welt zu sprechen.« Aber unter der Oberfläche dräut der vulkanische Untergrund.
Ein kurzer dritter Teil hebt das autobiografische Material auf eine weitere Bedeutungsebene. Er kreist um etwas, wofür es im Dänischen den Ausdruck Tidslomme, Zeittäschchen, gibt. Auf einer rätselhaften Irrfahrt waren die Schwiegereltern der Erzählerin kurzfristig darin verschwunden - wie die Mutter in ihrer vorübergehenden Amnesie. Auch darüber wurde nie gesprochen.
Judith Hermann fasst die Zeit in ein komplexes System von Schlupflöchern, Kavernen, Abseiten und verborgenen Innenräumen. Und man kann sich nie sicher sein, ob es sich bei dem Ganzen um ein Gedächtnis- oder Verdrängungstheater handelt.
Mit den digitalen Zugriffsmöglichkeiten auf die bisher im US-Nationalarchiv unter Verschluss gehaltenen Mitgliedskarteien der NSDAP erleben gerade viele Deutsche, was sich bis dahin hinter Gedenkritualen leicht ausblenden ließ: dass das Abstraktum Kollektivschuld in der Familiengeschichte ein sehr konkretes Gesicht annehmen kann. Gleichzeitig wird eine Partei, für die es sich bei alldem nur um einen Vogelschiss der Geschichte handelt, zur stärksten Kraft. Die Disruptionen des Autoritarismus erzeugen ihre eigenen Kontinuitäten. Das ist die andere Gestalt, in der das Verdrängte wiederkehrt – aus dem Zeittäschchen, in dem es lange so bequem verschlossen war.
Warum sie alles immer so traurig finden müsse, herrscht die Schwester die Erzählerin einmal an. Einen Grund für die Traurigkeit liefert dieses Buch, jenseits jeder literarischen Pose. Realer waren die Gespenster nie, die Judith Hermann beschworen hat.
Judith Hermann: »Ich möchte zurückgehen in der Zeit«. S. Fischer. 160 Seiten, 23 Euro.